Mein Freund H. P. Lovecraft: Dreamer on the Nightside

  • Festa
  • Erschienen: September 2016
  • 0
Mein Freund H. P. Lovecraft: Dreamer on the Nightside
Mein Freund H. P. Lovecraft: Dreamer on the Nightside
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
75°1001

Phantastik-Couch Rezension vonFeb 2025

Erinnerungen an einen (nicht wirklich) seltsamen Freund

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) gilt als Meister des modernen Horrors. Er wird in seiner Bedeutung an die Seite von Edgar Allan Poe, Algernon Blackwood und anderer Autoren gestellt, die dem Genre entscheidende Impulse geben konnten. Als Schöpfer des „Cthulhu“-Mythos, der eine parallele Geschichte des Universums postuliert, die sogar bis vor den Urknall zurückreicht, hat Lovecraft uralten Schrecken mit moderner Naturwissenschaft verknüpft und ein trügerisch plausibles Weltbild entwickelt, das die bekannte Realität als dünne, tröstliche Tünche über einer Wirklichkeit beschreibt (und durchbricht), die uns Menschen ansonsten in endlosen Schrecken versetzen würde.

Zur mythischen Gestalt wurde Lovecraft selbst; man stilisierte ihn zu einem Außenseiter, der abseits einer von Profitdrang geprägten Welt seine ganz eigene Literatur schrieb sowie ein Leben führte, das selbstbestimmt um Wissenschaft und Kunst kreiste. Die dadurch provozierte, lebenslange Armut akzeptierte er und ertrug er. Lovecraft ernannte sich selbst zum „Einsiedler von Providence“, seiner (aus US-Sicht) alten Heimatstadt in Neuengland, und bastelte sich eine Biografie, die er als aus der Zeit gefallener Gentleman mit dementsprechenden Ansichten buchstäblich verkörperte.

In den Jahrzehnten nach seinem frühen Tod gewann Lovecraft einen Ruf und eine Leserschaft, von der er einst nicht zu träumen wagte. Doch die Zeit und seine Maske haben den Menschen H. P. Lovecraft in die Vergessenheit abgedrängt. Geblieben ist eine Kunstfigur, die manchmal sogar selbst in einer der unzähligen, stetig neu entstehenden Erzählungen und Romane auftritt, in denen Cthulhu auflebt.

Hinter der Maske: ein Mensch

Hinzu kommt der „backlash“ einer ‚politisch korrekten‘ Kritik, die Lovecraft als finsteren Chauvinisten und Rassisten erkannt zu haben glaubt und anklagt. Um entsprechend Flagge zu zeigen, werden beispielsweise den Preisträgern des „World Fantasy Award“ in den USA seit 2015 keine Lovecraft-Büsten mehr überreicht. Das Pendel ist ein gutes Stück zu weit in die Richtung „Verdammt ihn!“ ausgeschlagen, weil ignoriert wird, in welchem Maße Lovecrafts Amerika generell von Vorurteilen, die sich nicht selten aus schierem Unwissen und kollektiver Ignoranz speisten, bestimmt wurde. Zudem fehlt die Möglichkeit, Lovecraft selbst zu befragen, wie er zu einigen tatsächlich hässlichen und dummen Äußerungen steht. Schon zu seinen Lebzeiten hat er sich mehrfach bereitwillig korrigiert, wenn er einen Irrtum einsah; eine Tatsache, die besagte Kritiker gern zu ignorieren scheinen, weil es nicht in ihr Lovecraft-Bild passt.

Zeitzeugen sind eine wichtige Kraft, um eine einst alltägliche, inzwischen jedoch vergangene und nunmehr negativ beurteilte Gegenwart gerecht einordnen zu können. Natürlich muss man berücksichtigen, dass solche Zeitzeugen selbst verinnerlicht haben, was als überwunden gilt. Das macht ihre Aussagen keineswegs wertlos. Sie helfen uns, Gestern und Heute einander gegenüberstellen.

Frank Belknap Long (1901-1994) gehörte zu denen, die H. P. Lovecraft einen Freund nennen konnten, ihn persönlich kannten und oft trafen; letzteres muss man betonen, da Lovecraft ein manischer Briefeschreiber war, der die Postkästen angeblich mit 80-90000, oft viele Seiten umfassenden Texten fütterte und auf diese Weise eine lebhafte Korrespondenz mit Menschen unterhielt, die ihm nie begegneten. Der persönliche Kontakt macht einen Unterschied, da der wie gesagt als verschroben, sogar seltsam betrachtete Lovecraft im persönlichen Umgang ein geselliger, freundlicher, hilfsbereiter Mann und der „Einsiedler“ einer seiner Scherze war. Da Long ein ganzes Buch dieser Freundschaft widmet, bleibt ihm Raum genug für die Beweisführung.

Last der Legende

Dies ist keine ‚richtige‘ Biografie und soll auch keine sein, wie der Verfasser mehrfach betont. Zwar fasst Long kurz zusammen, was über Lovecraft bekannt ist, nutzt diese Passagen jedoch vor allem, um auf Persönliches überzuleiten. Als er sein Buch 1975 schrieb, war Lovecrafts Leben durchaus kein Geheimnis mehr. Eine neue Generation hatte seinen „kosmischen“ Horror entdeckt. Wie J. R. R. Tolkien und seine „Herr der Ringe“-Saga war Lovecraft sehr beliebt bei jüngeren Lesern. Doch Long stellte fest, dass sich einige Legenden verselbstständigt hatten, und wollte gegensteuern.

So äußert er sich ausführlich über Lovecrafts als Rassisten, was er deutlich relativiert bzw. zeitgeschichtlich einordnet. Long erinnert sich an einen liberalen, aus zeitgenössischer Sicht vergleichsweise vorurteilsfreien Mann, der wie schon gesagt fähig und willens war, diesbezügliche Irrtümer zuzugeben. Lovecraft stand außerdem unter Druck: In New York bemühte er sich um ein ‚normales‘ Berufsleben und heiratete sogar, scheiterte aber als Arbeitnehmer und als Ehemann. Das verdüsterte seinen Alltag und sein Gemüt und führte dazu, dass Lovecraft New York und seine Bewohner als Symbole seines Misserfolgs und Versagens instrumentalisierte. Auch sein angebliches Liebäugeln mit dem deutschen Nationalsozialismus war eher ein akademisches Planspiel mit einem radikalen und interessanten Konzept. Als Lovecraft von den Nazi-Gräueln erfuhr, war dies vorüber; die Fakten hatten ihn überzeugt.

Long geht in diesem Zusammenhang auf Lovecrafts Rationalismus ein. Der Mann, der bizarre Monster über die Erde herfallen ließ, lachte über Okkultismus und Gespenster. Er wusste auch sehr genau, dass die Cthulhu-Saga reine Fiktion war. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, das Grauen so exakt wie möglich zu beschreiben und eine stimmige Grundstimmung zu schaffen: Lovecraft sah sich als Schriftsteller und nahm sein Werk ernst, indem er den Lesern das Beste bieten wollte, zu dem er in der Lage war. In dieser Hinsicht war er selten zufrieden und arbeitete hart an sich.

Kein Fremdling auf Erden

Kursorisch geht Long auf Lovecrafts Werk ein. Auch hier torpediert er manche seltsame Vorstellung und stellt klar, dass hier jemand schrieb, der sich ein Ziel gesetzt hatte: Unterhalte dein Publikum, so gut du es kannst! Der ‚späte‘ Lovecraft war der Science Fiction näher als dem Horror, und die Naturwissenschaften sorgten für die Naht. Hier war er unbedingt gegenwärtig. Die Vergangenheit war Lovecraft wert und teuer, aber er nahm sie als solche wahr. Er konnte sich in ihr verlieren; Long beschreibt einen Menschen, der sie mit außergewöhnlicher Intensität ‚fühlte‘. Ungeachtet dessen wusste Lovecraft jederzeit, in welchem Jahr er lebte.

Long geht sicherlich zu weit; manchmal nehmen seine Erinnerungen hagiografische Züge an. Er war von Lovecraft beeindruckt und fühlte sich geehrt, einen Mann kennengelernt zu haben, der großen Einfluss auf ihn hatte. Dabei klammert Long ernste Probleme aus. Lovecraft war sicherlich nicht über seine Alltagsschwierigkeiten erhaben. Wir wissen, dass er anders als von Long behauptet mit einer Realität haderte, in der er keinen Platz finden konnte - und wollte.

Dennoch vermag Long deutlich herauszustellen: Lovecraft war ein Mensch. Er konnte sich ärgern, wütend werden, nachtragend sein. Da er so exzessiv schrieb, floss das in seine Briefe ein. Dort stand und steht es schwarz auf weiß - von Lovecraft selbst schnell vergessen, aber für eine Zukunft bewahrt, in der solche Ausbrüche und Äußerungen herausgepickt und gesammelt werden, um einen Lovecraft zu ‚bauen‘, dessen Schattenseiten die Gesamtperson in ein Abseits verbannen, das er nicht verdient. Da Lovecraft auch hierzulande viel gelesen wird, ist es erfreulich, dass Longs Buch - sicherlich kein Bestseller - nach vielen Jahren übersetzt und herausgegeben wurde: Wer es will, kann nachhaken.

Fazit:

Ein Zeitgenosse und Freund des geheimnisumwitterten Autors H. P. Lovecraft erinnert sich an gemeinsame Zeiten und nutzt die Gelegenheit, den Mythendunst zu zerstreuen, der sich um Lovecraft ballt: Frank Belknap Long zeichnet das Bild eines sicherlich exzentrischen, aber keineswegs seltsamen oder menschenfeindlichen Mannes, der sich selbst nicht annähernd so wichtig nahm wie seine Nachfahren, die jedes seiner vielen Worte auf die Goldwaage legen.

Mein Freund H. P. Lovecraft: Dreamer on the Nightside

Frank Belknap Long, Festa

Mein Freund H. P. Lovecraft: Dreamer on the Nightside

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Mein Freund H. P. Lovecraft: Dreamer on the Nightside«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Sci-Fi & Mystery
(MUSIC.FOR.BOOKS)

Du hast das Buch. Wir haben den Soundtrack. Jetzt kannst Du beim Lesen noch mehr eintauchen in die Geschichte. Thematisch abgestimmte Kompositionen bieten Dir die passende Klangkulisse für noch mehr Atmosphäre auf jeder Seite.

Sci-Fi & Mystery