The Gorge

Film-Besprechung von Michael Drewniok

Irgendwo an sorgfältig geheim gehaltener Stelle - vermutlich irgendwo in den Weiten Russlands - haben sich nach einem Erdbeben 1946 angeblich die Pforten der Hölle geöffnet: Dies ist jedenfalls eine der meist obskuren Theorien, die sich um eine Schlucht ranken, in deren Tiefe es unter ständig wabernden Wolken gruselig umgeht.

Um die „hohlen Männer“, die dort unten hausen, vor dem Ausbruch zu hindern, wurde die Schlucht an ihrer Oberkante mit einem Schutzwall versehen sowie mit Minen und automatischen Waffen gespickt. Außerdem steht sowohl auf der West- und Ostseite ein Turm, der als Aussichtspunkt dient. Hier sind Wächter stationiert - je einer aus dem Westen dieser Welt, der andere aus dem Osten, denn die Gefahr ist so groß, dass die Großmächte ungeachtet aller Konflikte in diesem Punkt zusammenarbeiten.

Aktuell dient auf dem Westturm der Elitesoldat und Scharfschütze Levi Kane, der nach einem Nervenzusammenbruch nicht mehr als solcher einsatzfähig ist. Ein Jahr wird er ganz allein die Schlucht überwachen. Auf dem Ostturm ist Drasa, eine Sniper-Frau aus Litauen, ebenfalls aufmerksam. Es gibt keinen Kontakt zwischen den Türmen, der zudem streng verboten ist. Per Fernglas beobachtet man sich natürlich. Neugier und Sehnsucht wachsen, und schließlich beginnt man mit auf Papierbögen geschriebenen Kurzbotschaften zu kommunizieren. Doch Levi will mehr und schießt ein Seil über die Schlucht, an dem entlang er zu Drasa hangelt.

Die beiden verstehen sich auf Anhieb und gedenken ihre nicht unkomplizierte Beziehung aufrechtzuerhalten. Doch auf dem Rückweg zum Westturm reißt das Seil, und Levi verschwindet im Abgrund. Drasa folgt ihm in die Tiefe. Dort stößt das Paar in gewisser Weise tatsächlich auf die Art Hölle: Giftige Gase lassen Menschen, Tiere und Pflanzen genetisch mutieren und buchstäblich miteinander verschmelzen. Die so entstandenen Wesen sind sowohl aggressiv als auch recht kugelfest. Auf dem Grund der Schlucht entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Levi, Drasa und ihren grotesken Verfolgern.

Nebenbei finden sie heraus, was in der Schlucht sonst noch vor sich geht: Über ihre wahre Mission wurden Levi und Drasa von ihren Auftraggebern getäuscht, und als diese durch heimlich installierte Kameras herausfinden, dass sie entlarvt wurden, wird zu allem Überfluss ein Killerkommando auf den Weg in die Wildnis geschickt ...

Werben, bevor die Wahrheit sich verbreitet!

Obwohl die Streaming-Sender dieser Welt behaupten, das Kino in Sachen Unterhaltung hinter sich gelassen zu haben, ist dies weiterhin eine Behauptung. Nach einer Goldgräberzeit, in der Milliardensummen in die Produktion den Erfolg zumindest versprechender Projekte gepumpt wurden, versickert diese Flut inzwischen und fließt durch allzu bekannte, tief eingegrabene Rinnen ab: Geld kann Ideen nicht ersetzen, und Aufwand bringt nichts, wenn er sich an sich selbst berauscht. Der Mensch weiß es, denn er ist ein Gewohnheitstier und hat noch in Höhlen gehockt, als am Lagerfeuer Geschichten erzählt wurden. Dank solcher Erfahrung ist es kein Wunder, dass er (und sie) sehr wohl zu unterscheiden weiß, wenn nicht Gold, sondern Stroh gesponnen wird!

Diese Einleitung ist (leider) notwendig, da die Werbung wieder einmal viel heiße Luft ausstößt, um auf eine neue Film-Sensation hinzuweisen. „The Gorge“ wurde mit den Mitteln des Kinos gedreht, und kurz ist der Streifen auch auf die große Leinwand gelangt. Rasch ging er danach an Apple TV+, wo er den potenziellen Zuschauern nun auf die beschriebene Weise als Muss eingehämmert wird.

Wie so oft erweist sich das Internet als Segen und Fluch gleichzeitig. „The Gorge“ wird in ausgezeichneter Qualität ins Heim gestreamt. Dort stellt sich freilich heraus, dass sich dieses Urteil vor allem auf Schau- und Hörwerte bezieht, während die Handlung für Stirnrunzeln sorgt. „The Gorge“ kreiste als Drehbuch wohl nicht grundlos viele Jahre durch die Filmwelt, bevor Scott Derrickson zugriff und/aber beschloss, aus dieser Geschichte mehr als das typische Monster-Movie zu machen.

Menschen und Monster

Solcher Ehrgeiz kann gelingen, geht aber öfter in die sprichwörtliche Hose. Derrickson ist zudem kein Kunsthandwerker, sondern als Filmemacher für routinierte und vordergründige bis plakative Unterhaltung bekannt. 2000 debütierte er als Regisseur mit der Direct-to-DVD-Produktion „Hellraiser: Inferno“, dem fünften Teil einer bereits abgewirtschafteten Horror-Reihe. Er blieb der Phantastik treu: 2005 glückte ihm mit „The Exorcism of Emily Rose“ („Der Exorzismus von Emily Rose“) ein Kassenschlager. Mit „Sinister“ (2012) und „Sinister 2“ (2015; nur Drehbuch) festigte er seine Position, sodass er 2016 ins Marvel-Kino-Universum eingeladen wurde und „Dr. Strange“ drehte. Auch „The Black Phone“ - wieder für „Blumhouse“ - war 2022 erfolgreich (und erhält 2025 eine Fortsetzung), sodass Derrickson recht zuversichtlich auf „The Gorge“ setzen konnte.

Die Hoffnung mag helfen, denn womöglich zählt „The Gorge“ zu jenen Filmen, die schlecht beurteilt werden, aber dennoch die (zahlenden) Massen locken. Grundsätzlich hat dieser Streifen Potenzial. Die Grundidee ist in ihrer simplen Klarheit bestechend: Da ist die Schlucht, auf deren Boden man nicht blicken kann. Aus der Tiefe ertönen unheimliche Geräusche, und irgendwann zeigen sich dann die Bewohner in ihrer ganzen Scheußlichkeit.

Am Rand der Schlucht schauen zwei Menschen nach dem Rechten. Protokoll und Entfernung trennen sie, aber was viele Jahrzehnte funktioniert hat, wird für diese Geschichte natürlich ad acta gelegt. Es dürfte sehr an Anya Taylor-Joy als Drasa liegen; man versteht Levi Kane sofort, der alles daransetzt, die Schlucht in Richtung Ostturm zu überqueren.

Kummer und Liebe

Die aufkeimende Liebe prägt die erste halbe Hälfte des Films. Zuvor gibt es ausführliche Vorgeschichten für beide Protagonisten; man soll verstehen, wieso sie sich darauf einlassen, ein Jahr völlig abgeschieden in der Wildnis zu verbringen. Schon hier beginnen sich Derrickson und Drehbuchautor Zack Dean zu verzetteln. Die Geschichte könnte so, wie sie sich später entwickelt, auf diese Expositionen völlig verzichten und in den Türmen starten. Wer Levi und Drasa vor ihren Missionen waren, ist irrelevant.

Dass sie sich verlieben und im wahrsten Sinn des Wortes einen Abgrund überwinden, um zueinanderzukommen, ist gut gefilmt und nett mitanzusehen, zieht sich aber in die Länge - und wird abrupt unterbrochen, als die Monster kommen. Die Liebe zwischen Levi und Drasa gilt als besiegelt, als sie sich einen Fallschirm umschnallt und ihm in die Schlucht nachspringt.

Auf deren Boden beginnt ein völlig neuer und besserer Film - und dies, obwohl nunmehr jegliche Originalität aufgegeben bzw. in eindrucksvolle Kulissen investiert wird. Was durch die Schlucht schleicht, haben wir in der Sache schon in unzähligen Horrorfilmen gesehen. Skrupellose Experimente gehen schief, aber noch skrupellosere Elemente setzen sie trotzdem fort, weil viel schmutziges Geld mit den Ergebnissen zu verdienen ist. Brutal-Chefin Bartholomew könnte auch für Konzerne wie „Umbrella“ oder „Weyland-Yutani“ arbeiten; die ‚Philosophie‘ ist zum Klischee geronnen.

Die Anziehungskraft von Genen

Ebenfalls ohne Sensationseffekt ist die Mär von den mäandrierenden Genen, die sich nach Belieben miteinander kombinieren und dabei schaurige Chimären entstehen lassen. „The Gorge“ ist in diesem Punkt immerhin optisch ähnlich einfallsreich wie beispielsweise „Annihilation“ (2018, dt. „Auslöschung“), und die moderne Tricktechnik gestattet erstaunliche Formen fleischlicher Auflösung und Neukonfiguration. Die „hohlen Männer“ tragen ihren Namen zu Recht, aber sie sind nicht die einzigen Kreaturen, die in der Schlucht ihr Unwesen treiben. Im Gedächtnis bleibt u. a. ein aus mehr oder weniger zerfallenen, leuchtenden Körpern bestehendes Kollektivwesen, das Levi und Drasa ‚durchqueren‘ müssen, ohne die Aufmerksamkeit der ‚Hirnknoten‘ zu erregen (was selbstverständlich und mit spektakulären Folgen misslingt).

Überhaupt geht es ungemein hektisch dort zu, wo doch offiziell nur Levi und Drasa über den Wolken wachen. Mutanten spuken durch den Nebel, aber auch sumpfmoralische Wissenschaftler sowie ferngelenkte Drohnen sind dort unterwegs. Dazu kommt eine Infrastruktur, die nicht nur eindrucksvolle Bunkeranlagen beinhaltet.

Kammerspiel mit Atombomben-Background

Die meiste Handlungszeit beanspruchen Levi und Drasa für sich. Deshalb ist es wichtig, dass diese Schauspieler nicht nur die körperlichen Anstrengungen (vor riesigen Greenscreens) meistern. Auch die Chemie zwischen den beiden muss stimmen. In dieser Hinsicht hatte Derrickson ein gutes Händchen. Sowohl Miles Teller als auch Anya Taylor-Joy haben ihr Talent in dramatischen und in Action-Streifen unter Beweis gestellt; er letzteres u. a. 2016 in „Wardogs“ und sie erst 2024 in „Furiosa: A Mad Max Saga“.

Teller und Taylor-Joy umschiffen wohltuend rudersicher die Klischee-Klippen, die das Drehbuch überall lauern lässt. Er belegt, dass ein männlicher ‚Held‘ nicht manisch zwischen markigem Draufgängertum und pubertärer Ich-Bezogenheit pendeln muss - dazu hatte ihn 2015 das Drehbuch zum Marvel-Desaster „Fantastic Four“ gezwungen -, und sie muss nicht härter auftreten als alle Kerle dieses Films zusammen. Ohne diese beiden Darsteller würde man sich als Zuschauer wesentlich häufiger an inhaltlichen Dürftigkeiten stoßen. („The Gorge“ erinnert hier an den unterschätzten bzw. zu Unrecht verdammten Film „Underwater - Es ist erwacht“ von 2020.)

Was hat Sigourney Weaver in diesem Film verloren? Sie spielt nicht, sondern stellt die schurkische Auftraggeberin von Levi und graue Eminenz im Hintergrund jenes Unternehmens dar, das - wieder einmal - an einem Super-Soldaten bastelt. Die Rolle füllt nur wenige Minuten und ist ein Stereotyp. Jede Schauspielerin hätte sie übernehmen können. Hoffentlich hat sich Weaver diesen Mini-Job wenigstens gut honorieren lassen!

Fazit

Ganz und gar nicht stimmige Mischung aus Horror, Drama und Horror, höchstens partiell gelungen und zu lang. Da die Story interessiert, auch wenn die Umsetzung hinkt, die Schauwerte enorm sind und die Darsteller gute Arbeit leisten, überragt „The Gorge“ dennoch die meisten jener Phantastik-Filme, die aktuell „exklusiv“ für Streaming-Sender entstehen, und lohnt eine (erwartungsfreie) Sichtung.

Wertung: 7

Bilder: © Apple

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