Caddo Lake

Film-Besprechung von Michael Drewniok

Der Caddo Lake liegt auf der Grenze zwischen den US-Südstaaten Texas und Louisiana. Eigentlich ist der ‚See‘ eher ein Sumpf, auf dessen unzähligen Schlamminseln Bäume, Flechten, Pilze und andere, die schwüle Feuchtigkeit liebende Pflanzen wurzeln und wuchern. Es gibt hier Schlangen, Alligatoren und andere durchaus gefährliche Tiere, was die menschlichen Bewohner nicht abschreckt. Wer am Caddo Lake lebt, kann schon als Kind ein Boot fahren. Man bleibt gern unter sich, schlägt sich durch und erwartet keine Hilfe von ‚oben‘; die Regierung und ihre Einrichtungen werden höchstens hingenommen.

Teenager Ellie ist Teil einer Problemfamilie. Mit Mutter Celeste liegt sie im Dauerstreit; nie hat diese verwunden, dass sie einst von ihrem Ehemann verlassen wurde. Celeste hat wieder geheiratet, aber Ellie vermisst den unbekannten Vater. Während sie sich auch mit Stiefvater Daniel nicht versteht, hat sie dessen Tochter Anna ins Herz geschlossen. Deshalb ist der Schrecken groß, als die Achtjährige eines Sommertages vermisst wird; offenbar wollte sie mit ihrem Boot der wieder einmal wütend aus dem Haus gestürmten Halbschwester folgen.

Paris ist ein junger Mann, der durch den Unfall, bei dem seine Mutter starb, mental aus der Spur geworfen wurde. Er sucht nach einer Begründung für ihren Tod. Dies ist zu einer Obsession geworden und Paris darüber ins Abseits geraten; selbst sein Vater hält ihn für sonderbar, und Gattin Cee hat ihn schweren Herzens verlassen.

Unabhängig voneinander finden Ellie und Paris hinaus, dass es an einer abgelegenen Stelle des Caddo Lake eine Art Loch in der Zeit gibt: Wer dort hineingerät, kommt in der Zukunft oder Vergangenheit wieder zum Vorschein. Tatsächlich trennen zwei Jahrzehnte Ellie und Paris, die mehrfach das Portal durchqueren, um im Gestern und Heute Ereignisse anstoßen, die nicht nur ihre Existenzen, sondern auch die Leben ihrer Familien verändern und diverse Rätsel lösen werden ...

Rätsel und Wunder, Antworten und Seelenfrieden

Es dauert eine Weile, bis sich „Caddo Lake“ als Film zu erkennen gibt, der dem phantastischen Genre zuzuordnen ist. Aufgrund der völlig konträren Art und Weise, wie sich das Regie- und Drehbuch-Duo Celine Held und Logan George ihrer Geschichte nähern, muss man ein wenig Geduld aufbringen, was allerdings leicht fällt, denn „Caddo Lake“ gehört zu den nicht gerade häufigen Mystery-Filmen, die auch jenseits ihres Plots etwas zu erzählen und zu zeigen haben.

Hier ist es der Mikrokosmos des Caddo Lake, eine urtümliche, amphibische,  zwischen festem Boden und Wasser schwankende, vor Tier- und Pflanzenleben förmlich berstende Landschaft, an deren unsicheren Ufern Menschen leben, die sich den besonderen Verhältnissen angepasst haben. Dieses Talent benötigen sie auch für den täglichen Überlebenskampf, denn Menschen wie Ellie, Anne und ihre Familien gehören zur Unterschicht der USA. Man hangelt sich von Tag zu Tag, Streit und Alkohol schüren die Probleme, weshalb Sheriff Taylor zwar die Suche nach der verschwundenen Anna startet, aber parallel dazu Stiefmutter Celeste verhört, weil es in deren Vergangenheit als (Pflege-) Mutter einige düstere Stellen gibt.

In der Tat ist Celeste eine labile Frau, die nie verwunden hat, dass ihr Ehemann sie einst mit Baby Ellie sitzenließ. Mit der Tochter kommt sie schwer aus. Ellie hat ihr explosives Temperament geerbt und ist derzeit bei einer Freundin untergeschlüpft, um dem heimischen Stress aus dem Weg zu gehen. Anna vermisst ihre Halbschwester und folgt ihr heimlich, womit das Drama seinen Lauf nimmt.

Die zweite Ebene

Wie Paris in diese Geschichte passt, bleibt für die Zuschauer erst einmal unklar. Er kämpft mit eigenen Dämonen. Ist er halbwegs im Lot, arbeitet er schwer im Caddo-Sumpf, wo er den Müll entsorgt, der seit Jahrzehnten das Wasser verseucht; eine schwere, gefährliche Arbeit, die Paris an Stellen bringt, die kaum jemand betreten hat. So stolpert er in bzw. durch jenes Portal, das ihn in Ellies Welt führt und sie wenig später in die Vergangenheit.

Was im grundlosen Sumpf für solche Zeitsprünge sorgt, bleibt unerklärt. Im Rahmen der Story ist es ohne Belang. Für ablenkende Faszination sorgt die Problematik einer nur ansatzweise erklärbaren und vor allem steuerbaren Zeitreise. Nicht die Sprünge über Jahrzehnte sorgen für Verwirrung, sondern jene kurzen ‚Sätze‘, die nur über Tage oder Stunden gehen. Für die erschreckende ‚Realität‘ dieser Episoden bedienen sich Held & George aus dem einschlägigen Instrumentarium der Science Fiction und sorgen u. a. dafür, dass Ellie sich selbst begegnet.

Dass „Caddo Lake“ dennoch nie auf die Gleise der B-Movie-Routine-SF gerät, ist das Verdienst eines Teams, das vor und hinter der Kamera ungeachtet eines überschaubaren Budgets Großartiges leistet. Stets bleibt der Caddo Lake im Zentrum der Ereignisse. Sind die Personen dieser Geschichte eingeführt, bleibt es bei diesem Kreis. Einmischung von außen bleibt aus, und wir Zuschauer müssen uns stets mit dem (Un-) Wissen begnügen, das Ellie bzw. Paris allmählich lüften.

Wach bleiben beim Schauen!

Das Mysterium wird durch scheinbar schlichte, aber überzeugende und durchdachte Spezialeffekte unterstrichen. (Immerhin bricht im Finale recht spektakulär ein Damm.) Hinzu kommt die von Kameramann Lowell A. Meyer grandios abgebildete Sumpflandschaft, die auch ohne das Zeitportal ebenso faszinierend wie unwirtlich und menschenfeindlich wirken kann. Stimmungsvoll ist ein Musikscore von David Baloche, der auf lokale Klänge und Ruhe setzt, statt in „Deliverance“-Banjo-Grusel zu verfallen, wie auch Held & George die Menschen vom Caddo Lake nie als zahnlückige Rednecks und beschränkte Hinterwäldler bloßstellen.

Die Stimmung bleibt ungebrochen, also rätselhaft, was sehr hilfreich ist, weil man Augen und Ohren offenhalten bzw. den Film eigentlich zweimal anschauen muss, um sämtliche Querverweise zu erfassen und zu begreifen. Quasi jede Szene beinhaltet Informationen, die auf noch zukünftige oder der Vergangenheit zu entreißende Geschehnisse hinweisen. Manchmal ist es nur ein Trümmerstück, das im Wasser schwimmt, um sich dann in die Gesamtgeschichte einzugliedern. Hier muss man das Geschick loben, mit dem solche Botschaften eingebracht werden. Zwar muss die Logik hin und wieder gedehnt werden, um die Problematik der Zeitreise zugunsten der Story zu bändigen, doch dabei wird ihr Rahmen nicht beschädigt: Alles fügt sich innerhalb der gewählten Grenzen schließlich zusammen! Dem eigenen Rhythmus ist sicherlich zuträglich, dass Logan George den Film selbst geschnitten hat.

Dass alles gelingt, verdanken Held & George auch den sorgfältig ausgesuchten Schauspielern. Es gibt keine ‚Stars‘, sondern ein Ensemble von Profis, die ungeachtet ihres manchmal jugendlichen Alters ihre Rollen fest im Griff haben. Herausragend ist Eliza Scanlen als pubertäre, überforderte Ellie, die unter Verzicht auf jegliches Hollywood-Pathos der Spur durch die Zeiten folgt, weil sie erkennt, dass sie auf diese Weise endlich ihre Familiengeschichte entwirren und ihren Frieden finden kann. Tragisch endet Paris auf seiner Reise in eine Zukunft, die ihm immerhin jene Erkenntnis gewährt, nach der er sich viele Jahre vergeblich gesehnt hatte: Dylan O'Brien versteht es, diese Entwicklung glaubhaft zu verkörpern.

Das Ende ist gleichermaßen traurig wie versöhnlich, ohne in Klischee-Sentimentalität zu versickern. Was Ellie und ihre Familie angeht, ist das Rätsel gelüftet. Das Caddo-Lake-Mysterium bleibt davon unberührt. Es ist wie schon erwähnt der Auslöser einer eher privaten Geschichte, die so erzählt ist, dass die Auflösung plausibel wirkt und zufriedenstellt - ein Kunststück übrigens, das dem hier als Produzenten tätigen M. Night Shyamalan („The Sixth Sense“, „Old“, „Knock at the Cabin“) in seinen eigenen Filmen nur noch selten gelingt.

Fazit

Formal wie inhaltlich dichte Mischung aus Mystery und Familiendrama, die beiden Perspektiven gerecht wird, vorzüglich besetzt, geschickt inszeniert und wunderbar bebildert ist: ein beruhigender Beleg dafür, dass Phantastik filmisch jenseits des Knall-Bumm-Blockbusters immer noch klassisch erzählt werden kann.

Wertung: 8

Bilder: © Warner Bros.

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