Finch

Film-Kritik von Michael Drewniok / Titel-Motiv: © Apple.

Ein Mann, sein Hund und ein Roboter

Vor zehn Jahren wurde die Erde von den Ausläufern einer gewaltigen Sonneneruption getroffen. Sie rissen die schützende Ozonschicht in Fetzen, weshalb das Sonnenlicht seither ungefiltert den Planeten trifft. Die UV-Strahlung hat die Erde quasi sterilisiert. Pflanzen und Tiere sind verschwunden, die (US-) Welt ist eine unwirtliche Wüste, zumal die Temperatur tagsüber auf mehr als 60° steigt und immer wieder Wirbelstürme über die ohnehin verheerte Landschaft toben.

Die Menschen sind mehrheitlich verhungert, an Krankheiten oder den Folgen der krebserregenden Strahlung gestorben. In den Ruinen halten sich nur noch wenige Überlebende auf. Die wenigen Ressourcen sind verbraucht, der Kampf um Essen und Wasser wird gnadenlos geführt.

Ingenieur Finch Weinberg hat überlebt. Er quartierte sich im verlassenen Hauptquartier seiner Firma ein, wo er dank seiner technischen Fähigkeiten über Strom und eine Luftfilterung verfügt. Dennoch wird Finch bald sterben; auch ihn hat der Strahlenkrebs erwischt. Seine einzige Sorge gilt dem Überleben des geliebten Hundes Goodyear. Wenn Finch nicht mehr ist, soll diesem ein Roboter zur Seite stehen, den Finch nach langer Arbeit endlich vollenden kann.

„Jeff“, wie der Roboter bald heißt, ist intelligent und ungemein kräftig, aber naiv wie ein Kind. Da das Trio sein bisheriges Quartier aufgrund eines Supersturms verlassen musste, konnte Finch nicht alle vorgesehenen Daten in das ‚Hirn‘ des Roboters laden und muss nun in die Rolle eines Lehrers schlüpfen, in der sich der Einzelgänger denkbar unbehaglich fühlt.

Mit einem alten Wohnmobil soll die Fahrt quer über den nordamerikanischen Kontinent nach Westen bis San Francisco gehen. Finch weiß, dass er das Ziel wohl nicht lebend erreichen wird. In einem Crashkurs versucht er Finch beizubringen, was „Leben“ bedeutet. Da sein Charakter diesbezüglich einige Schwachstellen aufweist, wird dies zur oft schmerzlichen Herausforderung. Finch muss sich für Jeff mit seinen Fehlern auseinandersetzen. Darüber hinaus verläuft die Fahrt nicht ohne Zwischenfälle. Das Wetter sorgt für lebensgefährliche Situationen, der übereifrige Jeff zieht das Interesse von Plünderern auf sich, und Finch beginnt vor seiner Krankheit zu kapitulieren …

Kein Film von der Resterampe

„Finch“ gehört zu jenen Filmen, die erst einmal aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte Aufmerksamkeit erregen. Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle nicht im Kino läuft, sondern über einen Streaming-Dienst ‚versendet‘ wird, wobei dieses Verb hier in Anführungsstriche gesetzt wird, weil sich im Kopf moderner Zuschauer längst etwas gedreht hat: Man ‚muss‘ einen Film nicht mehr im Kino sehen, während der heimische Bildschirm der Sekundär-Auswertung vorbehalten bleibt.

Die Corona-Krise und die damit einhergehende Schließung der Kinos hat diese Entwicklung beschleunigt, aber nicht ausgelöst. Schon vorher sorgte der technische Fortschritt für eine daheim mögliche Bild- und Tonqualität, die es mit dem Kino aufnehmen kann. Weiterhin ist es ein besonderes Erlebnis, einen Film auf großer Leinwand zu sehen, doch die Industrie kann, will und muss sich nicht mehr mit ganzer Wucht auf das Kino stützen, nachdem sich herausgestellt hat, dass man auch per Streaming Geld verdienen kann.

Da dies auch für üppig budgetierte Streifen gilt, muss man sich als Zuschauer keineswegs mit optisch minderwertiger Ware zufriedengeben. „Finch“ belegt schon durch die schier endlos laufende Liste der für die Spezialeffekte zuständigen Mitarbeiter aus zahlreichen Ländern dieser Welt, dass hier nicht gekleckert, sondern geklotzt wurde. Allerdings muss man eventuell zweimal hinschauen, denn „Finch“ zwingt die digitale Bilderschaffung nicht in den Dienst buchstäblich monströser Materialschlachten, sondern kreiert ‚nur‘ bzw. stattdessen die bis ins Detail stimmige Darstellung einer vertrockneten, zerstörten Welt.

Auf dem Weg nach Westen nichts Neues

Schon 2019 fanden die Dreharbeiten statt. Vor allem im US-Staat New Mexico existieren Landschaften, die man per Nachbearbeitung in ebenso grandiose wie erschreckende Einöden verwandeln konnte. Das Drehbuch geisterte schon seit Jahren in Hollywood herum, bis endlich das Studio „Universal“ zugriff und der Regisseur Miguel Sapochnik sowie vor allem Weltstar Tom Hanks ihr Interesse anmeldeten.

Mit Hanks an Bord kam das Projekt in Gang. Sapochnik hatte zuvor erst einen Film inszeniert („Repo Men“, 2010) und seitdem fürs Fernsehen gearbeitet; u. a. war er für mehrere Episoden der TV-Serie „Game of Thrones“ verantwortlich. Er übernahm es, eine ebenso einfache wie schwierige Geschichte zu erzählen: Die Handlung ist alles andere als eine Offenbarung. Tatsächlich setzt sich die Story aus sattsam bekannten Vorlagen zusammen, die zusammengesetzt nur mühsam das dürre Gerüst einer Odyssee aufpolstern, die buchstäblich nirgendwohin führt.

Das eigentliche Drama spielt sich auf einer andere Ebene statt. Finch baut einen Roboter und bildet ihn aus, während man (plus Hund) dem vagen Ziel entgegenrollt. Schon bald ist klar, dass Finch es nicht erreichen wird. Notgedrungen gemächlich - gesteuert wird ein altersschwaches Wohnmobil - geht es durch eine zerstörte Welt, die definitiv für Schauwerte sorgt, aber ganz sicher keine Action-Spannung generiert. Dies wird durch die betont ‚nebensächliche‘ Abhandlung faktisch gewaltiger Ereignisse unterstrichen. Ein offensichtlich tödlicher Hurrikan ist vorbei, sobald er das Wohnmobil ein wenig durchgeschüttelt hat. Die potenziell gefährliche Verfolgung durch womöglich mörderische Plünderer läuft ins Leere. Wirklich gefährlich ist die permanente, unsichtbare UV-Strahlung, die ungeschützte Haut kochen lässt. Ansonsten sorgt Roboter Jeff durch seine Ungeschicklichkeiten für riskante Momente.

Zwei Reisen zum ich

Im Vordergrund steht der Dialog zwischen Finch und Jeff. Der ‚Schöpfer‘ muss sich offenbaren und ein recht ereignisloses Dasein offenbaren, während sein ‚Werk‘ wie Pinocchio oder Mr. Data im Schnellverfahren zum (besseren) ‚Menschen‘ reifen soll. Dieser Prozess wird ebenso routiniert wie gekonnt in Szene gesetzt, weshalb sich wie geplant die entsprechenden Gefühle publikumsweit entfalten - dies auch deshalb, weil Tom Hanks den verschlossenen Finch verkörpert, Er hatte schon in „Cast Away - Verschollen“ (2000) unter Beweis gestellt, dass er keine Mitspieler benötigt, um die Leinwand mit Leben zu füllen. Raue Schale - weicher Kern: Für Hanks ist solches Schauspiel eher ein Heimspiel!

Inzwischen ist der Filmtrick auf einem Niveau angelangt, das sein Erkennen (bzw. Ignorieren) leichtmacht. Folgerichtig ist Roboter Jeff keine sichtbar bewegte Puppe, sondern eine ‚reale‘ Person. Der Schauspieler Caleb Landry Jones stellte ihn vor der Kamera dar; er wurde in der Nachbearbeitung ‚getilgt‘, sodass nur der stählerne Jeff blieb, der sich nun so bewegt, wie Jones es vorgegeben hat. Seine Leistung muss man (wie die der zahlenstarken Hintergrundcrew) bewundern, denn es gelang ihm, eine aus Schrott montierte, skeletthafte Figur ohne jede Gesichtsmimik zum ‚Leben‘ zu erwecken. Jeff steht an zwischen Roboter und Android; der Film definiert hier nicht präzise, zumal es unnötig ist. Wichtig ist der Austausch zwischen Finch und Jeff, der Mensch und Roboter zusammenbringt.

Dieser Prozess ist - natürlich! - oft sentimental, weil dies in Hollywood weiterhin als Maßstab für Publikumsnähe gilt. Wäre es nicht Hanks, der die vorgegebenen Sätze spricht, würde es wohl oft peinlich. Auch so schlagen diverse Klischees durch. Hund Goodyear wird zwar nicht so aufdringlich in Szene gesetzt wie andere ‚niedliche‘ Hunde; er bleibt Hund und überwindet beispielsweise die Trauer um sein Herrchen rasch und ergebnisorientiert: Finch ist tot, Goodyear lebt und sucht sich einen neuen Gefährten. Solche Momente überzeugen eher als das aus Einzelszenen zusammengeschnittene ‚Mienenspiel‘, mit dem Goodyear Resignation oder Fassungslosigkeit vermitteln soll, wenn Jeff wieder einmal einen Bock schießt.

Der Weg ist das Ziel

„Finch“ ist ein Road-Movie und beschreibt eine Reise, die gleichzeitig Reifeprozess ist. Die Dauer oder gar das Ziel sind Nebensache. Finch muss es nicht erreichen; was er und Jeff lernen sollen, haben sie schon vorher begriffen. Die Drehbuchautoren arbeiten mit den üblichen Elementen - warum auch nicht, da gut variiertes Handwerk oft unterhaltsamer ist als verquaste Kunst. Also wird der beiderseitige Lernprozess durch Streitigkeiten und Rückblenden ‚aufgelockert‘, die zumindest ansatzweise zeigen, wie Finch durch die Katastrophe kam. (In einer früheren Schnittfassung wurde auf diese Vorgeschichte ausführlicher eingegangen.) Auf diese Szenen könnte man verzichten; sie tragen nichts Gravierendes bei, stören aber auch nicht.

Zwei Stunden läuft „Finch“, in denen wie schon gesagt vergleichsweise wenig ‚geschieht‘, was sich als „Action“ bezeichnen lässt. Ist dieser Film deshalb langweilig? Die Entscheidung hängt mehr als sonst von der Erwartungshaltung der Zuschauer ab. Wer ein typisches, metzelreiches „Post-Doomsday“-Spektakel mit Zombies, Mutanten und vertierten Rednecks erwartet, dürfte enttäuscht sein. „Finch“ ist für ein Publikum gedacht, das Spannung darin finden kann, wie zwei gänzlich unterschiedliche Charaktere zueinanderfinden.

Wenn man dies berücksichtigt sowie auf Neues in Inhalt oder Form keinen Weg legt, bietet „Finch“ klassische Unterhaltung der soliden Art - nie mehr, aber eben auch nicht weniger und damit ein Film, den man sich anschauen kann, ohne vorab von Hype-Werbung betäubt zu werden oder dem Zetern einer Filmkritik lauschen zu müssen, die dort inhaltliche und künstlerische ‚Relevanz‘ vermisst, wo ‚nur‘ zwei Stunden unterhalten werden soll.

 

Fotos: © Apple. All Rights Reserved.

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